Datum:
Zeit:
Platz:
05.03.2011
2:52:26
1
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Ergebnisliste:

Ich hatte viel versprochen. In meiner Wahrnehmung wusste die ganze Welt Bescheid, was heute gespielt wird. Wir hatten uns ja auch vor keiner Öffentlichkeit versteckt und sind diesmal auch offensiv an den Rekordversuch herangegangen. Die Daten aus dem Training und den Leistungsdiagnostiken sprachen für sich. Theoretisch hatte ich die Zeit in den Beinen…theoretisch. Aber ein Rennen ist immer erst auf der Ziellinie entschieden und keinen Meter vorher. Es gab genug Möglichkeiten, warum es schief gehen könnte und ein guter Teil davon lag noch nicht einmal in meinen Händen bzw. Füßen. Ein Zitat sagt „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“ Meinetwegen, dann beschäftige ich mich gedanklich nur noch mit 2:50h…

Streckenbesichtigung:

Wir sind schon einen Tag früher in Marburg. Es sind zwar nur zwei Stunden Fahrt von Jena aus, was eigentlich machbar ist, aber so entsteht vor dem Start nicht noch unnötiger Stress. In Marburg angekommen sind wir erstmal zum Start- und Zielbereich um die Wettkampf-unterlagen abzuholen. Wir hatten bewusst viel Zeit eingeplant um uns die kritischen Punkte der 10-km-Runde in Ruhe anschauen zu können. Und da gab es viel zu tun. Bis km 4 ist die Strecke flach und recht breit, aber völlig frei und windanfällig. Beim Verpflegungspunkt am km 4 gibt es eine sehr enge 180-Grad-Kurve auf eine Brücke hoch. Die Höhenmeter sind vernachlässigbar, aber die Rhythmuswechsel werden interessant. Zumal ich ja genau in dem Bereich trinken muss. Auch Überrundungen können hier noch ein zusätzliches Problem bereiten. Diese Ecke kann man nicht planen. Das muss ich im Lauf live entscheiden. Bis km 7 ist die Strecke dann eigentlich flach mit kleineren Wellen, aber weiterhin sehr eng. Danach wird es sehr winklig. Enge 90-Grad-Kurven, Bodenwellen unter einer Brücke hindurch, gleich danach rechts auf die Wendepunktstrecke. Der Wendepunkt bei km 8 wird hart. Ein enger Weg, dort muss ich wahrscheinlich jedesmal völlig stoppen. Danach wird es nicht besser, erst noch eine scharfe Kurfe von knapp 180 Grad und dann ein deutlicher Anstieg auf die Brücke hinauf und wieder hinunter. Der letzte Kilometer der Runde ist dann analog zu km 1 – das könnte viel Verkehr geben hier…besonders breit ist der Weg nun wirklich nicht. Die Strecke ist also doch recht anspruchsvoll, aber fast völlig flach und deutlich schneller als Bottrop. Aber ich muss klug laufen, hier gibt es viele Punkte, die den Lauf vorzeitig beenden können.

Vor dem Start:

Es ist kalt, aber die Sonne scheint. Bis 15 min vor dem Start habe ich noch nicht entschieden, was ich anziehe. Ich zweifel noch, ob kurz zu laufen nicht doch zu kalt ist. Aber ich liebe Kälte und die Strecke liegt vollkommen in der Sonne. Das wird schon noch wärmer. Also kurz. So langsam werde ich auch deutlich ruhiger und gehe in mich. Ich bin fit, meine Beine fühlen sich wunderbar an. Die Trainingszeiten haben auf den Punkt gepasst – alle. Was sollte schon schief gehen? Die Strecke! Sie ist hart… Der Wind! Er soll noch stärker werden… Zweifel helfen jetzt nicht. Lauf! Und zwar klug und schnell! Konzentrier dich!

Start:

Es ist einfach zu kalt zum warten! Der Oberbürgermeister von Marburg, welcher den Startschuss geben soll hat Verspätung und so zieht es sich hin. So etwas nervt mich immer. Ich kann in der Kälte nicht so lang rumstehen und muss mal noch ein paar Meter antreten. Dann geht es endlich los. Wir pfeifen erstmal aus der Masse heraus und sortieren uns. Erstmal heißt es einen Rhythmus zu finden und die Runde kennenzulernen. Die Taktfrequenz hatten wir uns auf 3:28 min/km gesetzt, so dass am Ende eine 2:53:20h steht. Damit ist schon eine halbe Minute Puffer zum alten Rekord einbaut.

km 1:

3:30 min. Lars geht ja sehr defensiv an, aber die Strecke ist auch nicht zu unterschätzen. Seine Uhr hat das Kilometersignal aber auch deutlich eher gegeben. Zwei Läufer die nur die 10k laufen haben uns überholt und laufen ein paar Meter vor uns. Ein weiter Läufer hängt deutlich atmend hinter uns.

km 3:

10:30 min. Es geht ein leichter Wind. Bis hier her eine gerade und freie Strecke. Zwischendurch waren wir mal etwas schneller, aber jetzt haben wir schon ein paar Sekunden Rückstand. Das Tempo fühlt sich aber sehr gut an. Ich will die erste Runde erstmal abwarten, ob die Kilometermarkierungen stimmen, denn Lars Uhr piept immer deutlich eher als der Punkt kommt. Nach der Runde wird sich zeigen, ob wir tatsächlich zu langsam sind.

km 4:

13:58 min. Immer noch etwas zu langsam. Ich erwische die Flasche, die Anke mir reicht sehr gut. Sehr gut, dass das funktioniert. Sicherheitshalber hatten wir am Ende der Verpflegungszone noch einen kleinen Tisch mit einer Ersatzflasche. Ich trinke schnell was bevor es auf die Brücke geht. Das Trinken kostet immer ein bisschen Tempo, das nehm ich gleich auf der Rampe mit. Oben um die Kurve…eine Bushaltestelle…nicht abgesperrt. Es passt auf den Punkt, dass dort ein Bus kommt und wir genau in die Passanten hinein geraten. Warum sind hier keine Streckenposten? Das ist ja schon grob fahrlässig, nicht nur gegenüber der Läufer, sondern auch der Passanten.

km 7:

24:20 min. Bis hier her rollt sich die Strecke fast von allein. Die Zeit ist noch etwas hinter dem Zeitplan, aber der Abstand ist kleiner geworden. Jetzt kommt aber der schwierige Teil der Runde. Lars bremst mich immer mal wieder ein. Er vertraut seiner Uhr, welche immer noch etwas vor den Markierungen piepst und damit sind wir zu schnell. Der andere Läufer hängt immer noch hinter uns. Laut seiner Atmung läuft er völlig am Anschlag. Wird wohl noch ein 10-km-Läufer sein. Er macht immer mal wieder den Ansatz eines Überholmanöves, schafft es aber aus dem Windschatten raus gerade so neben uns und ist dann auf dem schmalen Weg eher eine Behinderung. Aber noch sage ich nichts. Lange wird er wahrscheinlich nicht mehr da sein.

km 9:

An der letzten 180-Kurve ist der andere Läufer gestürzt. In der Kurve war innen etwas Schlamm neben dem Asphalt. Er wollte die Kurve dort maximal schneiden…und musste dafür bezahlen. Aber nach der Brücke hat er sich wieder heran gekämpft. Diese zwei Kilometer sind wirklich spannend. Da muss ich jedesmal mit voller Konzentration durch.

km 10:

34:30 min. Perfekt. Unterm Strich passen die Zeiten also. Ich darf mich also von den Kilometerzeiten bis km 5 nicht beeindrucken lassen. Lars macht mir die Innenkurve am Wendepunkt frei, so dass ich gleich danach meine Flasche greifen kann. Wolfgang freut es, aber wir sollen nicht schneller werden.

km 11:

38:31 min. Der andere Läufer ist noch da – wie krass. Auf dem Level will der Teufel Halbmarathon laufen? Sehr ambitioniert… Aber gut, wenn er tatsächlich die Runde noch überlebt wird ihn Lars auf den letzten Kilometern an die Wand spielen. Der ist nämlich noch so fit um mit mir zu reden und mich einzubremsen. Da ist also noch Potential.

km 14:

48:28 min. Perfekt. Wie erwartet ist der andere Läufer mittlerweile deutlich zurückgefallen. Der Wind hat auch schon etwas aufgefrischt. Meine Flasche erwische ich wieder perfekt. Diesmal nehme ich sie aber mit auf die Brücke hoch und trinke erst oben. Mittlerweile sind auch Streckenposten da, die die Bushaltestelle sichern. Sehr gut. Noch haben wir keine Überrundungen und zumindest auf den schmalen Wegen gut Platz. Mein Bruder fährt vor uns und sorgt dafür, dass auch die paar Passanten auf die Seite gehen.

km 20:

1:09:00 h. Okay, jetzt habe ich schon einen recht komfortablen Vorsprung vor der geplanten Zeit und damit auch dem Rekord. Lars kommt noch ein paar Meter die Runde hoch und muss dann wieder zurück ins Ziel. Er wird Bestzeit laufen und den HM gewinnen. Großartig. Erstes Teilziel erreicht. Wir verabschieden uns, wie in den Trainningsläufen mit „Es war mir eine Ehre.“ und ich muss mich nun allein dem Wind stellen.

km 25:

1:26:05 h. Deutlich unter dem geplanten Tempo. Der Wind wird jetzt immer stärker, aber ich fühle mich wunderbar. Ich habe auf den ersten Kilometern allein ein bisschen den Druck erhöht um das Tempo zu halten. Das habe ich wohl etwas gut gemeint, jetzt läuft es…ich habe eine angenehme Reisegeschwindigkeit erreicht. Klaus hat auf dem Rad vor mir alle Hände voll zu tun die anderen Läufer auf die Seite zu schicken, dass ich problemlos überholen kann. Fast alle verstehen die Anweisung auch, aber hin und wieder blockiert dann doch einer wieder den Weg, was ich dann fix ausgleichen muss.

km 28:

Der Wendepunkt tut jetzt schon richtig weh. Ich muss dort anhalten und völlig neu antreten. Das wird ein Knackpunkt in der letzten Runde, fürchte ich.

km 30:

1:42:50 h. Mist, viel zu schnell. 33:50 min für die letzten 10 km. Wolfgang bremst mich lautstark ein. Daran sollte ich mich halten. Die kritischen Stellen auf der Strecke und der stärker werdende Wind kosten viel Kraft. Nicht das es mir wieder geht, wie in Bottrop und ich ab km 45 ums überleben kämpfe. Dort habe ich sehr viel Zeit verloren. Das wollte ich mir diesmal ersparen. Also vorsichtig das Tempo drosseln. Ich habe genug Zeit, dass ich jetzt vorsichtiger laufen kann…aber 20 km können sehr lang sein und der interessante Bereich kommt ja erst noch.

km 35:

2:00:15 h. Der Wind ist wirklich bitter. Ich fühle mich immer noch wunderbar und bin noch deutlich über der Zeit. Ich höre jetzt viel in mich hinein. Jetzt beginnt der kritische Bereich jedes Marathons und der Einbruch könnte von einer Minute auf die nächste kommen, wenn ich es übertrieben habe. Jetzt einfach weiter nach Plan laufen. Ich habe weit über 53 min für die letzten 15 km, selbst mit einem kleinen Einbruch könnte das reichen. Konzentrieren und weiter.

km 40:

2:17:30 h. Punktlandung. Genau, dass wir geplant haben. Ich brauche einen Moment bis ich verstehe, dass es eigentlich perfekt ist. In meinem ersten Eindruck bin ich einfach nur langsamer geworden zur Vorrunde. Doch das war ja der Plan. Na ja…kognitiv bin ich nicht mehr der hellste. Mein Trainer Wolfgang ruft mir zu, dass ich nicht steigern soll. Erst ab km 45. Ich habe über 36 min für die letzten 10 km. Das sollte eigentlich funktionieren. Aber ich muss die Runde auch noch einmal komplett überstehen.

Marathon:

2:25:21 h. Der Wind weht mir jetzt schon sehr zornig ins Gesicht. Ich muss nur bis km 4 überleben, dann wird es leichter. Ich versuche hier im Wind nicht mehr das Tempo zu halten. Ich spare mir lieber etwas Kraft für die letzten drei Kilometer.

km 47:

Bis hier her ging alles gut. Jetzt zählt es. Die Bodenwellen, Rampen und 180-Grad-Wenden erzeugen abruptes Abbremsen und hartes Antreten. Das kann nach so vielen Kilometern auch mal schnell einen Krampf auslösen. Das könnte den Rekord auch noch so kurz vorm Ziel mit so viel Vorsprung vernichten. Also geschmeidig und im Fluss bleiben und lieber ein paar Sekunden hergeben. Nur noch 3 km…noch gut 10 Minuten…

km 48:

Der Wendepunkt tut jetzt wirklich höllisch weh…nochmal möchte ich hier nicht lang müssen. Muss ich auch nicht. Ich schau noch mal kurz auf die Uhr, obwohl ich die Werte gar nicht mehr verarbeiten kann. Ich habe irgendwas über 8 min Zeit für die letzten 2 Kilometer…DAS REICHT! Nur noch die Brücke…nur noch die Brücke…

km 49:

Die letzte Welle über die Brücke habe ich gut überstanden. Okay. Letzte Aufgabe: Heil ankommen! Nicht stürzen! Ich kann nur noch breit grinsen. Meine Kraft reicht locker und ich habe noch Reserven. Sehr gut. Mein Bruder feiert vorne schon auf dem Rad: „Der lacht noch… Sehr schön!“ Die ganze Zeit musste er sich zusammenreißen und hatte die strikte Order mich auf keinen Fall anzufeuern oder mir zu nahe zu kommen. Die große Ankündigung des Rekordes hatte eine Menge Wettkampfbeobachter auf die Strecke gerufen.

Ziel:

2:52:26 h. REKORD…und zwar deutlich. Ich laufe schreiend über die Ziellinie und springe erstmal meinen Trainer an. Großartig. Wir haben es geschafft. Ja, WIR. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Das war eine perfekt organisierte Teamleistung. Mir Lars und Klaus auf der Strecke, Julia und Anke am Verpflegungspunkt bei km 4, und Wolfgang im Ziel der alle koordiniert hat.

Anke drückte mir gleich eine Flasche Saft in die Hand. Warum das denn? Ach so, ja… Regeneration. Herrlich, wie das funktioniert. Ich ahnte schon, dass ich nach dem Ziel völlig high bin und keinen Kopf für sowas habe. Doch ich bekam gleich alle möglichen Sachen zu essen und zu trinken um das zu unterstützen. Großartig. Diesmal muss die Regeneration auch schnell gehen, weil in einen paar Wochen schon die WM-Qualifikation über 100 km ansteht. Zumindest das Tempo passt ja schon mal…aber 100 km sind mehr als zweimal 50 km, wie mein Trainer Wolfgang so gern sagt.