Zeit:
Platz:
2:23:16
2
Info:
Ergebnisliste:
Samstag vor dem Start:
Die Anreise war völlig entspannt und wir waren pünktlich zur Athletenvorstellung in der Rheingoldhalle in Mainz. Meine Frau und ich haben noch schnell die Startunterlagen geholt und hatten sogar noch ein paar Minuten um über die Messe zu schlendern. Die Pressekonferenz mit den Topathleten wollte ich mir unbedingt ansehen. Ich war zwar als Medaillenkandidat überall aufgeführt, aber eine Einladung dazu hatte ich im Vorfeld nicht erhalten. Die Veranstaltung war aus Sicht der Deutschen Meisterschaft dann eher ernüchternd. Kein Wort von den männlichen Spitzenläufern. Zumindest die Frauen wurden vorgestellt.
Zurück im Hotel packe ich den Umschlag mit den Startunterlagen aus und wusste nicht recht, ob ich lachen oder mich aufregen sollte. Darin lag eine Einladung zur Pressekonferenz. Sehr clever. Bei der Anmeldung musste man Post- und Emailadresse angeben, sogar eine Telefonnummer hatte ich hinterlassen. Da frage ich mich doch, warum die Daten nicht genutzt werden, wenn man sie schon.
Der Morgen davor:
Ich habe die Nacht gut geschlafen, aber der Wecker riss mich um 6:00 Uhr unsanft aus meinen Medaillenträumen. Noch vor dem Frühstück (das gab es im Hotel erst ab 6:30 Uhr) musste ich zum ersten Mal in die Rheingoldhalle um meine Eigenverpflegung abzugeben. Der DLV hatte dem Veranstalter untersagt, die Flaschen schon eher anzunehmen. Wegen Manipulationsverdacht, hieß es von offizieller Seite, wobei man mir die Antwort schuldig blieb, wie die Manipulation ab 7:30 Uhr bzw. direkt am Verpflegungspunkt unterbunden wird. Damit blieb nur ein Zeitfenster von einer Stunde. Das überschnitt sich für mich leider mit dem Frühstück im Hotel überschnitt, weil ich nicht schon mehr als 2 Stunden früher am Start sein wollte. Gut gesättigt ging es um kurz vor 8:00 Uhr Richtung Start.
Vor dem Start:
Beim Einlaufen merke ich schon, das es meine Beine nicht erwarten können. Meine Muskeln sind frei, nichts zwickt. Dann aber das alte Leid mit der Startaufstellung. Von vorn zum Start verlaufen wurde von den Ordnern rigoros unterbunden. Von der Seite sollen wir uns einreihen. Aber von wo? Die Seiten sind komplett mit Gittern abgesperrt. Ich werde leicht hektisch, klettere über die Zäune zu den Zuschauern und hinter der Startlinie ins Feld hinein. Ein Glück das klein bin, denk ich mir, während ich mich zwischen den Läufern hindurch nach vorne drängle. Die Spitzenathleten von der anderen Seite von vorn reingeschoben. Warum geht das nicht mit deutschen Spitzenläufern? Und wenn, warum weiß ich nichts davon? Ich ärgere mich bewusst noch zwei Minuten darüber um ein wenig Wut für die ersten Kilometer aufzubauen, obwohl ich ganz vorn an der Linie stehe. Im Kopf bahne ich mir schon meinen Startweg um nicht an den Gittern hängen zu bleiben. Der Hochnebel verzieht sich und die Sonne beginnt ihre bestzeitenfeindliche Arbeit. Es ist jetzt schon recht schwül und das wird sicher nicht besser.
Start:
Sekunden vor dem Start wird es für mich ganz still. Ich sehe meinen Weg, höre nur den Countdown des Sprechers. Mit dem Schuss pfeife ich von der Linie weg, aus dem Korridor heraus auf die Strecke. Nach ein paar hundert Metern ziehen die favorisierten Afrikaner und Urkrainer an mir vorbei. Ich achte genau auf jede Startnummer. Keiner mit einer blauen Startnummer, welche nur Meisterschaftsläufer haben. Du bist gut im Rennen, du fühlst dich wohl, sage ich zu mir selbst. Auf geht es…
km 2:
6:33 min. Wo war der erste Kilometer? Ach egal, sieh zu das du an Jens Borrmann und Philipp Ratz dran bleibst. Die beiden sind inzwischen zu mir aufgelaufen und Jens macht erbarmungslos Druck. Von hinten zieht Stefan Koch problemlos an uns vorbei, das Tempo mitzugehen wäre glatter Selbstmord. Aber halt…was ist das? Ein Radbegleiter und ein Pacemaker. Komisch, meine Anfrage auf einen Radbegleiter wurde vom Verantwortlichen des DLV abgelehnt, weil es zu aufwendig wäre diesen zum Offiziellen zu erklären. Das macht mich sauer.
km 3 – erster Verpflegungspunkt:
Eben jener Verantwortliche des DLV hat mir zugesichert, das die eigenen Flaschen auf einem separaten Tisch platziert werden und von Helfern auch zugereicht werden. Gut, das der Radbegleiter von Stefan Bescheid sagen kann, das er kommt, dann klappt das sicher auch. Bei uns ist es wieder ein Reaktions- und Glücksspiel mit Rhythmuswechsel und Tempoverlust, weil natürlich nicht klar ist, wo auf dem Tisch die Flasche steht. Ich erwische gerade so meine Flasche. Hoffentlich haben sie die Flaschen auf jedem Tisch gleich angeordnet, dann geht es. Ansonsten droht mir eine Wiederholung der Probleme von München.
km 4:
13:57 min. Hä? Die letzten 2 Kilometer in 7:24 min? Wir sind doch gar nicht langsamer geworden. Ich hatte das Gefühl, das Jens das Tempo sogar noch etwas verschärft hat. Da hat wohl jemand mit den Kilometerschildern geschlampt. (im Nachhinein stellte sich raus, das auf der ersten Runde eine Schleife gelaufen wurde, die erst auf der zweiten Runde an der Stelle sein sollte – der HM war 150 Meter zu lang)
km 8 – zweiter Verpflegungspunkt:
27:15 min. Perfekte Kilometerzeiten. Philipp ist schon deutlich zurück gefallen. Eine neue Runde Flaschenroulette. Aber diesmal geht alles gut, ich sehe sie auch rechtzeitig. Das ist auch dringend notwendig, denn die Sonne knallt erbarmungslos auf die schattenlose Strecke. Jens hat keine Flasche, dafür knapp 50 Meter Vorsprung. Ich mache jetzt keinen Schritt um die Lücke zu schließen, erstmal in Ruhe trinken und dann sehen wir weiter.
km 10:
33:58 min. Zwischendurch mal ein leicht verbummelter Kilometer durch viele scharfe Kurven, aber alles noch im Rahmen. Die Durchgangszeit sehe ich als perfekt, nicht wissend, dass ich eigentlich schon ein paar Meter weiter bin. Der Abstand zu Jens hat sich etwas erhöht, aber er ist immer noch in einem machbaren Abstand. Noch weiter will ich aber nicht zurück fallen. Ab jetzt heißt es also ein bisschen arbeiten.
km 14:
47:21 min. Jens läuft unverändert vor mir, aber mir ist aufgefallen, dass hinter mir der Applaus wieder verstummt. Ich scheine also doch ein gutes Polster auf den nächsten zu haben. Also weiter so. Die letzte Getränkestelle war etwas schwierig. Ich musste stoppen. In ein paar Kilometern kann ich mir das sicher nicht mehr leisten. Jetzt kommen die 6 schlimmsten Kilometer auf der Strecke…etwas ansteigend und schnurr gerade aus.
km 17:
57:33 min. Die Kilometerzeiten waren wie erwartet etwas langsamer, aber auch für Jens. Ich konnte den Abstand auf ca. 10 Sekunden verkürzen. An der Wende schaue ich auf die Uhr um den Abstand zu den Nächsten zu erfahren. Beim Blick zurück auf Strecke sehe ich … erstmal niemanden. Über eine Minute ist mein Vorsprung, dann folgt aber auch gleich eine größere Gruppe, die sehr geschlossen laufen. Der Abstand gibt mir Auftrieb, aber ich mache mir auch Gedanken, wie das Verhalten in der Gruppe sein wird. Die wissen sicher, dass vor ihnen ein Medaillenplatz läuft und sie kennen jetzt den Abstand. Wenn sie zusammen laufen können sie sicher unheimlich Druck machen. Also nicht nachlassen.
km 21:
Am Verpflegungsstand gab es kurz Probleme. Eine Helferin wollte mir meine Flasche reichen, greift aber zu einer Gelben und unterschätzt meine Geschwindigkeit. Ich laufe in sie rein, greife hastig meine Flasche, während ich sie leider umrenne und WEG brülle. Ich habe leider nicht die Zeit mich zu entschuldigen, weil Jens derweil Raum gewinnt und ich erst wieder anlaufen muss und trinken muss.
HM:
Kaum ist das eine Problem überwunden kommt auch gleich das nächste. Die Beschilderung durch welche Gasse die Marathonläufer auf die zweite Runde laufen müssen ist sehr klein und für mich nicht zu lesen. Ein Ordner zeigt rechts und ruft HALBMARATHON. Damit kann ich nichts anfangen. Ist das das Halbmarathonziel oder was? Erst kurz vor der Matte schickt mich der Sprecher in eine andere Gasse. Ich muss wieder Tempo rausnehmen um unter einem Absperrband durch zu kommen. Auf dem Boden steht relativ klein STAFFEL darunter MARATHON darunter 2. RUNDE. Was jetzt? War das die richtige? Jens ist unvermittelt geradeaus geschossen ohne die Gasse zu wechseln. Mir gehen Szenarien durch den Kopf, dass meine Zeit nicht richtig erfasst wird und ich disqualifiziert werde. Diese ständige Unruhe kann ich eigentlich nicht brauchen, denn jetzt kommt die Brücke. Was war die Zeit? 1:11:30 h – eigentlich perfekt.
km 22:
1:14:16 h. Die Brücke war gut und hat auch nur ein paar kleine Sekunden gekostet. Leider habe ich meine Frau nicht gesehen, schade. Bergab mache ich bewusst vorsichtig. Jens ist kurz vor mir und ich komme ihm jetzt zügig näher. Vielleicht kann ich die Lücke bald schließen.
km 24:
1:21:24 h. Die Lücke konnte ich innerhalb kürzester Zeit schließen und an Jens vorbei gehen. Er leistete auch keinen Widerstand. Ich erhöhe jetzt trotzdem leicht das Tempo, um etwas Abstand zu gewinnen. Aber die letzten Kilometer waren etwas langsam nach der Uhr. Hoffentlich gibt sich das wieder.
km 28:
Über die Brücke ging es wieder super, ohne dass ich viel Zeit verloren habe. Meine Frau ruft mir zu, das hinter mir eine Gruppe sei, die gut eine Minute Abstand hat. Also ist der Abstand seit der Wende nicht kleiner geworden. Ein Blick zurück zeigt, dass ich gut Platz nach hinten habe. Mir wird bewusst, dass ich relativ sicher auf Silber liege. Die Euphorie die mir durch den ganzen Körper schießt beflügelt. Jetzt bloß keine Fehler machen.
km 30:
1:41:40 h. Ich fühle mich gut. Sehr gut. Am Verpflegungspunkt blockiert ein großer Helfer die Sicht auf den Tisch. Diesmal riskiere ich keine Kollision. Aber er greift wieder eine gelbe Flasche vom Tisch und reicht sie mir. Hä? Auf der Flasche steht meine Startnummer. Ich bin mir unsicher. Durst habe ich schon, weil die Sonne gnadenlos den Asphalt aufheizt. Ich koste vorsichtig – Wasser. Noch einen Schluck, dann fliegt die Flasche weg. Das ist mir irgendwie nicht geheuer.
km 32:
1:47:54 h. Den letzten Kilometer in 2:51 min…nee, is klar. Hier stimmt doch was nicht. Ich erinnere mich dann den verbummelten Kilometer auf der ersten Runde, weil mir auffällt, dass wir jetzt eine Schleife nicht laufen. Wenn ich die letzten 10 km das Tempo noch hoch halte, wäre sogar noch eine gute 2:22 h möglich. Aber das Risiko ist mir zu hoch. Ich habe einige Flaschen verpasst und es ist heiß. Ich fühle mich zwar gut, aber das kann sich in diesem Teil des Rennens jederzeit ändern. Sichere dir dein Silber, wenn jemand ran läuft, dann macht er es auch bei 3:20/km und dann hast du vielleicht nichts mehr entgegen zu setzen.
km 35:
1:58:21 h. Die Kilometer haben etwas nachgelassen. Die letzten Beiden nur noch in 7:03 min. Ich merke, wie ich deutlich müder werde, aber es ist noch nicht in einem gefährlichen Bereich. Auch der Wind hat auf den langen Geraden aufgefrischt. Er kühlt zwar etwas, kostet aber auch viel Kraft. Weit vor mir sehe ich einen schwarzen Läufer, auf den mache ich jetzt vorsichtig Jagd.
km 38:
2:08:50 h. Der Kenianer ist erledigt. Vor mir ist noch ein schwarzer Läufer. Ob ich den noch schaffe? Die letzten Kilometer waren alle um die 3:30/km. Ich bin zwar erschöpft, noch nicht völlig am Ende, aber das Tempo nochmal auf 3:20/km zu erhöhen traue ich mich nicht zu versuchen. Mit einer Zeit unter 2:23 wird heute nichts mehr. Jemand ruft mir zu, dass ich gut 300 Meter Vorsprung zum Nächsten habe. Das ca. eine Minute. Das ist nicht zu viel, wenn ich mich an München 2008 erinnere.
km 41:
Ich bin kurz hinter dem Tansanier. Er hat nur noch wenig Vorsprung. Ich weiß, das ich Silber holen werde, hinter mir ist keiner! Die Freude in mir ist riesig und erfasst so langsam meinen ganzen Körper. Jetzt genieße nur noch die jubelnden Zuschauer, die Zielgerade. Nicht mehr weit und ich kann das Ziel sehen. Die Zeit habe ich völlig aus den Augen verloren. Mir ist auch relativ egal, das der Abstand zum Tansanier auf ein machbares Niveau eingeschmolzen ist.
km 42:
Die Leute feiern. Ich bin so gut wie Vize Deutscher Meister und den Freudentränen nahe. Ach, was soll es. Du hast dich geschont um für den Endspurt Kraft zu haben. Dann nutze sie und biete den Leute die Show für die sie gekommen sind. Ich trete mühelos an und gehe vorbei. Der Läufer wehrt sich noch kurz, aber lässt mich dann ziehen.
Ziel:
Ungebremst, lachend und mit erhobenen Armen schieße ich schreiend über die Ziellinie. Normalerweise steht mir der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Das war der mit Abstand beste Zieleinlauf meines Lebens. Die Emotionen in mir kochen über, ich kann es kaum fassen und würde am liebsten springen. Da spielen aber meine Beine nicht mit. Vizemeister mit Bestzeit. Ich habe alles richtig gemacht.
Die anschließende Siegerehrung mit Irina Mikitenko habe ich breit grinsend genossen. Endlich. Eine Medaille bei Deutschen Meisterschaften. In der Jugendzeit war ich schon ganz gut, da hat es zwar immer für Plätze unter den ersten 6 gereicht, aber nie für eine Medaille. Das Ziel meiner Träume! Jetzt wird es Zeit für neue Träume. Eine Zeit unter 2:20…



