Zeit:
Platz:
2:24:23
2
Info:
Ergebnisliste:
Meine Frau und ich sind am Freitagabend nach München gefahren, um am Samstag in Ruhe Zeit zu haben, die Startunterlagen abzuholen, einmal über die Messe zu schlendern und ein paar alte Freunde zu besuchen. Der Teamleader der Rennsteigstaffel X-Runners, für die ich auch starte, und seine Familie haben uns mit offenen Armen empfangen. Der Aufenthalt war besser als in jedem Hotel, weil sie uns optimal versorgt haben und die Nächte sehr ruhig und erholsam waren. Somit kann ich die letzten Tage und die direkte Vorbereitung nur als perfekt bezeichnen. Jetzt musste ich nur noch eine gute Tagesform erwischen.
Der Morgen davor:
Die Nacht habe ich sensationell gut geschlafen. Da waren andere Nächte in der letzten Woche unruhiger. Umso besser. Das Aufstehen fällt leicht und ich kann auch gleich Appetit auf ein ausgiebiges Frühstück. Jürgen achtet glücklicherweise auf die Zeit und schickt uns rechtzeitig zur Bahn. So kommt kein Stress auf. Meine Beine fühlen sich perfekt an, weder zu fest, noch zu locker. Noch ist es sehr kühl. Aber der Tag wird wunderschön, das ist jetzt schon zu sehen.
Vor dem Start:
Wir hatten gestern schon den kürzesten Weg von der U-Bahn zum Start ausspioniert und so waren wir eine gute Stunde vor dem Start in der Ackermannstraße. Diese war noch völlig leer. Nur ein paar vom Organisationsteam präparierten die Strecke. Kaum vorstellbar, das hier in knapp einer Stunde mehrere Tausend Läufer stehen und einem Knall entgegen fiebern.
Diesmal hatten wir alles richtig gemacht und aus den Fehlern vergangener Wettkämpfe gelernt. Zum einen standen wir in einer taktisch guten Position, so dass ich keine Probleme hatte mich in den vorderen Startreihen einzusortieren. Das war letztes Jahr ein großes Problem. Zum anderen hatten wir dieses Jahr noch kleine Energieriegel dabei. Beim letzten Halbmarathon in Halle vergingen zwischen Frühstück und Start auch 3 Stunden und ich bekam kurz vor dem Start deutlich Hunger und hatte Magenknurren.
Auch dieser Morgen ist perfekt. Wenn das heute nichts wird, dann weiß ich auch nicht weiter. Nur d die Sonne macht mir langsam ein wenig Sorgen. Nicht weil sie scheint, sondern weil mir jetzt schon lange Hosen im Stehen viel zu warm sind. Hoffentlich wird es nicht zu warm.
Start:
Die Rechnung ging auf. Problemlos kann ich mich in der ersten Reihe einsortieren, ohne dass ich um einen Platz kämpfen muss. Die letzten Sekunden vor dem Knall vertiefe ich mich vollständig und dann geht es los. Ich bekannter Manier löse mich mit ein paar schnellen Schritten aus der Masse laufe gleich an die Spitze.
km 1:
3:17 min. Etwas flott. Aber es fühlt sich so gut an. Diesen Satz kenne ich nur zu gut. Es läuft niemand neben mir, hinter mir höre ich auch kaum Schritte. Das Tempo muss ich jetzt erstmal in den Griff bekommen.
km 3:
10:00 min. Oha, das ist aber kräftig flott. Klaus-Peter Justus, der Vater vom Sieger Steffen Justus, den ich vom meinem Verein aus kenne und seine Frau, die meinen Verein leitet, stehen an der Strecke. Das ist eine tolle Überraschung! Sie feuern mich an, machen mir Mut, aber warnen mich auch vor meinem Tempo.
km 5:
16:47 min. An der ersten Wende kann ich erkennen, dass ich schon eine ganze Ecke Vorsprung habe. Meine Beine wollen auch nicht langsamer. Die Kilometer kommen lässig in 3:22 min. Ich habe das Gefühl, das ich fliegen kann. Hoffentlich ist es nicht nur die Euphorie, weil ich bei einem der größten Marathons Deutschland vorne weg laufe. Von Klaus-Peter kommt wieder eine gut gemeinte Warnung. Er kennt meine Zielzeit und kann schnell hochrechnen, das zu schnell unterwegs bin.
Die erste Wasserstelle ist eine Katastrophe. In der letzten Sekunde sehe ich noch meine Flasche und kann sie greifen. Die Tische sind dermaßen mit Flaschen überfrachtet, dass man seine eigene nur schwer ausmachen kann. Ich hab meine extra mit bunten Fransen markiert, aber sie geht trotzdem zwischen den anderen liebevoll dekorierten Flaschen unter. Da ich Wettkämpfe ohne Brille laufe ist die Suche zusätzlich schwieriger.
km 8:
26:48 min. Der letzten Kilometer waren zu schnell. Ich bin bereits 30 Sekunden vor dem Zeitplan Meine Beine fühlen sich wunderbar an. Aus dem Führungsfahrzeug brüllt mir einer meinen Vorsprung zu – 1 Minute. Das ist doch ein bequemes Polster. An der Wasserstelle musste ich diesmal ganz schön das Tempo rausnehmen, damit ich meine Flasche erwische. Das sollte ich mir nicht allzu oft leisten, weil es den Rhythmus komplett vernichtet.
km 10:
33:31 min. Bin ich völlig irre oder wesentlich besser drauf, als ich dachte? Ich befürchte ersteres und hoffe letzteres. Alle paar Sekunden läuft ein Check durch den Körper. Atmung, Puls, Beine…alles top. Nichts signalisiert, das ich einen Gang rausnehmen sollte. Die Zuschauer brüllen meinen Namen…aber woher wissen sie den?
km 14:
47:03 min. Fast 50 Sekunden über dem Plan. So langsam muss ich aufhören, auch wenn es riesigen Spaß macht. Aber dieses Tempo ist mir nicht geheuer. An der letzten Wasserstelle hab ich in aller letzter Sekunde meine Flasche gesehen, komplett runter gebremst und in einer halben Drehung die Flasche geschnappt. Das ist Mist, großer Mist. Diese Tempo- und Rhythmuswechsel sind tödlich bei dieser Geschwindigkeit. Es ist nicht abzusehen, dass die Flaschenaufstellung besser wird. Was mache ich bei der nächsten Verpflegungsstelle? Es wird heiß, die Sonne knallt erbarmungslos. Tempo raus und suchen oder weiterlaufen und normales Wasser nehmen?
km 15:
50:27 min. Vom Straßenrand aus brüllen mich mein Lauffreund Jürgen und Familie Justus an. Wie kommen die so schnell hier her? Aber jedes bekannte Gesicht tut gut. Mittlerweile habe ich auch heraus gefunden, warum die Zuschauer meinen Namen kennen. Der Mann der aus dem Führungsfahrzeug lehnt ruft ihn den Leuten zu. Nett.
km 18:
1:00:47 h. Ein langer Anstieg liegt hinter mir, mit den entsprechend verbummelten Kilometerzeiten. Ich hatte mir vorher für diesen Abschnitt geschworen, das Tempo rauszunehmen und lieber ein paar Sekunden zu verlieren, als berghoch zu überpacen. Das ist mir gut gelungen. An der Wasserstelle habe ich mich aber gegen die Flasche entschieden. Ich muss erstmal die Anstiege verdauen, da kann ich noch einen anderen Rhythmuswechsel nicht gebrauchen.
km 20:
1:07:36 h. Die Kilometer kommen jetzt in dem Bereich, wie ich mir das gedacht hatte. Ich liege weiterhin noch über 50 Sekunden vor dem Zeitplan und habe mittlerweile 2 Minuten Vorsprung vor dem zweiten, sagt der Mann aus dem Führungsfahrzeug. Aber die letzten 10 km waren nicht zu langsam, aber schon deutlich ruhiger als die ersten 10. Die Temperatur ist nun in einem Bereich den ich nicht mehr lustig finde. Ich muss zusehen, dass ich die nächste Flasche erwische. Zum einen, damit ich ausreichend Flüssigkeit bekomme, weil die paar Milliliter, die in den Bechern bleiben, nicht ausreichen. Zum anderen, weil die Kohlenhydrate und vor allem das Salz in meinen Flaschen unerlässlich sind.
Halbmarathon:
Vor der Matte von Mika Timing steht ein großes Schild auf dem Halbmarathon steht. Die Uhr zeigt auf der Matte 1:10:51 h. Ein paar Meter dahinter steht das Schild von km 21… Hä? Hier hat jemand geschlampt und zwar kräftig. Entweder Mika Timing, der Veranstalter oder beide. Unterwegs kann ja mal ein Schild falsch stehen, das passiert. Aber gerade an einer Messmatte, deren Wert in die Urkunde gedruckt wird, sollte alles stimmen. Auch die dazu gehörige Beschilderung.
km 23:
1:17:41 h. Die Kilometer laufen jetzt, wie ein Uhrwerk perfekt im Zeitplan. Aber ich verpasse wieder eine Flasche. Ich konnte mir gerade noch so einen Becher greifen. Dabei habe ich leider einen guten Teil vom Tisch abgeräumt.
km 28:
1:35:01 h. Ich bin immer noch 40 Sekunden über dem Plan, aber die letzten Kilometer waren schon schwerer. Ich befürchte das sich das Tempo und die mangelhafte Verpflegung langsam rächt. Die Hoffnung auf eine meiner Flaschen habe ich aufgegeben. Mittlerweile reicht meine Konzentration nicht mehr aus um den Tisch in Bruchteilen von Sekunden abzusuchen und das Tempo abrupt zu ändern kann ich mir nicht mehr leisten.
km 30:
1:41:39 h. Die Kilometerzeiten kommen wieder perfekt, die Zeit reicht noch für eine 2:23, wenn ich weiter so laufe, aber die Sonne macht mir immer mehr zu schaffen. Ich höre, dass mein Vorsprung auf 20 Sekunden zusammen geschmolzen ist. Wer hat da so einen Speed drauf. Mir würde spontan nur einer einfallen – Steffen Justus.
km 32:
Und weg war er. Steffen überholt mich mit einem Geschwindigkeitsüberschuss, das ich das Gefühl habe ich stehe. Die Frage, ob ich das Tempo mit gehe, stellt sich nicht. Ich kann nur hoffen, dass er sich von der Stimmung auf dem Marienplatz zu sehr aufpeitschen lässt und in ein paar Kilometern einbricht. Aber es ist schon sensationell, wie er davon zieht.
km 35:
1:59:00 h. Obwohl vor mir meine Motivation läuft, Steffen, der unbeirrt seine Kilometer zieht, verbummel ich jetzt einen Kilometer nach dem anderen, obwohl die letzten 5 km nur ein klein wenig zu langsam waren. Meine Beine tun nicht weh, aber es geht auch nicht schneller. Ich habe das ungute Gefühl, das sich jetzt alles rächt, was ich in den vergangenen zwei Stunden falsch gemacht habe. Zu hohes Tempo gepaart mit mangelhafter Verpflegung. Verdammt. Die Zeit reicht aber immer noch um deutlich unter 2:24 h zu laufen. Aber dafür müssen die letzten 7 Kilometer genau nach Plan kommen.
km 40:
2:16:40 h. Ich kämpfe mit Kilometerzeiten um die 3:30 min. Schneller geht einfach nicht mehr. Es mangelt mir an allem, das ist deutlich zu spüren. Mit dem 2. Platz habe ich mich mittlerweile abgefunden, den Steffen ist schon lange nicht mehr zu sehen. Nach hinten habe ich eine Menge Luft. Jetzt gilt es ein gutes Finale zu laufen. Noch ist eine Zeit knapp unter 2:24 drin, aber nur wenn ich mich nochmal aufraffen und das Tempo ein bisschen steigern kann.
Ziel:
2:24:23 h. Bestzeit. Das Tempo konnte ich nicht mehr steigern. Dazu hat mir wirklich die Energie gefehlt. Der Einlauf in München ist wunderbar. Die vielen Leute klatschen, überall Blitzlichter und einen Höllenlärm. Das trägt einen die letzten 200 Meter. Ohne Endspurt geniese ich die letzten Meter und laufe bei einem der größten Marathons Deutschlands als Zweiter über die Ziellinie in eine Schaar von Fotographen und Kameraleute. Ein berauschendes Gefühl. Unbeschreiblich. Steffen ist schon eine Weile da und gibt fleissig Interviews. Ich muss mich erstmal durchkämpfen um ihm zu gratulieren.
Ich bin mit dem Lauf zufrieden. Wäre ich ein bisschen vorsichtiger angelaufen, dann wäre vielleicht auch eine Zeit unter 2:24 drin gewesen. Welchen Anteil die Verpflegung an dem Einbruch ab km 35 hatte lässt sich nur erahnen. Eine Weile nach dem Zieleinlauf geht es meinen Beinen schon wesentlich besser. Stehen, Gehen, Treppen steigen bereitet mir keine Probleme. Auch nicht nachdem ich eine Zeit gesessen haben. Diesmal bin ich auch nicht überlastet oder verletzt, so dass ich nach der Regeneration, aber ohne wochenlange Laufpause, ins Wintertraining gehen kann. Da geht noch was!



