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07.09.2008
1:08:49
2
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Ich habe mich auf Halle sehr gefreut. Es ist eigentlich ein schöner Wettkampf gewesen, die letzten zwei Jahre. Die Strecke ist nicht ganz einfach, aber dafür immer mit starker Konkurenz, so dass Bestzeiten durchaus machbar sind. Die letzten Tage liefen super und ich war auch ganz gut erholt, aber diesmal entwickelte sich der Lauf fast in eine Katastrophe.

Der Morgen davor:

Es läuft alles nach Plan, auch wenn sich die Beine nach dem Aufstehen etwas schwer anfühlen. Das ignoriere ich erstmal, denn das tun sie öfter am Morgen, ohne das es etwas zu bedeuten hat.

Im Vorjahr war ich schon fast ein wenig spät dran, das wollte ich nicht unbedingt wiederholen und hatte den Wecker zeitig genug gestellt, das wir einen guten Puffer haben, wenn doch etwas schief gehen sollte. Aber zu so früher Stunde fehlt mir etwas der Appetit.

Die Fahrt nach Halle verläuft problemlos – dank Navi – sind 2 Stunden vor dem Start in Halle. Ruhe vor dem Start schont die Nerven. Alles läuft perfekt. Auch bei der Anmeldung gibt es keine Sorgen. Gemächlich gehen meine Frau und ich zum Start, können uns ein gutes Plätzchen aussuchen. Vor dem Start habe ich sogar noch Zeit für ein kleines Gespräch mit Falk. In der ganzen Ruhe habe ich aber eines vergessen. Das Frühstück war nicht besonders üppig und ist nun auch schon gut zwei Stunden her, mein Magen meldet sich etwas. Aber jetzt ist auch keine Zeit mehr noch auf die Suche zu gehen. Und eine Bratwurst, die schnell greifbar wäre, ist eher kontraproduktiv. Es muss so gehen – sind ja nur knapp 70 Minuten laufen. Das wird schon, denk ich mir.

Die ersten Meter beim einlaufen sind etwas schwer, aber nach wenigen Minuten gibt sich das. Vielleicht ist es genau die Spannung in den Muskeln die ich brauche um Traumzeiten zu laufen. Vom Einlaufen geht es direkt in den Startkorridor, wo ich in Ruhe meine letzten Vorbereitungen treffen kann.

Vor dem Start:

Aus dem Startkorridor heraus kann ich mich problemlos in die 1. Reihe einsortieren und habe somit eine perfekte Ausgangssituation. Ich treffe ein paar andere schnelle Läufer, die mit uns zusammen die 10 km laufen wollen. Gut zu wissen, denn mit denen auf den ersten gemeinsamen Kilometern mitzugehen wäre tödlich.

Start:

Ein Schützenverein ballert mit Schrotgewehren direkt über der Strecke, ein paar Meter vor uns in die Luft. Sehr hektisch setzt sich die Masse in Bewegung und ich habe doch Mühe mich zwischen den größeren Läufern zu behaupten um nicht unter zu gehen. In solche Situationen habe ich immer Angst, das ich einen Ellbogen ins Gesicht bekomme. Deswegen verfahre ich immer nach der Duck-und-weg-Taktik. Vorbei an den Start-Schützen regnet es den Dreck der Schrotpatronen und ich inhaliere paar grobe Körner, was wirklich eklig ist.

Die kleine Stadtrunde:

Zuerst führt der Kurs eine kleine Runde durch die Stadt, wieder über den Start-Ziel-Bereich. Die 10-km-Läufer machen den erwarteten Druck. Ich gehe zwar nicht ganz vorn mit, aber so weit muss ich nicht abreißen lassen, wie ich dachte. Es bleibt natürlich die Frage, ob sich da vorn nicht doch noch ein HM-Läufer, außer Falk Cierpinski mitspielt. Deswegen möchte ich das Feld im Auge behalten, bis es sich aufteilt.

km 5:

15:52 min. Perfekt. Aber der aufgeweichte Untergrund hier im Park macht mir zu schaffen. Ich ärgere mich, das ich die Straßenwettkampfschuhe angezogen habe und nicht die nächst „griffigeren“. Noch geht es, aber wenn die Pfützen schlimmer werden, wird es rutschig.

km 6:

Den letzten km in 2:10 min – ja, klar… Warum kann man das nicht besser messen. Auf 10 m kommt es nicht an, aber das hier sind 300 bis 400 Meter daneben.

km 8:

Stehen die km-Schilder richtig? Das Feld hat sich geteilt. Ca. 50 Meter vor mir sind Falk und ein anderer Läufer. Ich liege also auf Platz 3 und fühle mich ganz gut. Die Kilometer auf Asphalt passen in mein „Zeitbudget“, aber sobald es auf weichen Untergrund geht merke ich, das ich die falschen Schuhe anhabe.

km 9:

Die Lücke habe ich geschlossen. Falk begrüsst mich mit „Herzlich Willkommen.“. Ich fühle mich wunderbar…auf Asphalt, gehe an die Spitze und antworte „Hallo. Und ab gehts.“

km 10:

32:15 min. Noch im Rahmen. Das reicht geradeso für eine 1:08 h. Aber da darf jetzt nichts mehr schief gehen und ich darf auch nicht nachlassen. Die beiden hängen mir im Nacken, das sorgt zwar für ein wenig psychischen Druck, aber es ist dem Tempo nicht wirklich dienlich, weil ich allein nicht soviel Tempo machen kann, wie ich eigentlich aushalten würde.

km 13:

Immernoch an der Spitze der kleinen Gruppe folge ich dem Radfahrer, der an einer Weggabelung geradeaus fährt. Hinter mir ruft Falk „Links“. Ich schlage eine Haken, über eine Wiese. Mit meinen Schuhen verliere ich natürlich erstmal an Tempo. Verdammt!

km 14 bis 15:

Die Folgen des kleinen Irrwegs sind aufgearbeitet. Ich muss wieder führen. Na gut, sonst wird das zu bummelig und die letzten km-Zeiten, wenn sie stimmen, sind zu langsam. Von einer Zeit unter 1:08 kann ich mich jetzt schon verabschieden. Ich erhöhe das Tempo, löse mich ein paar kleine Meter und da passiert es erneut… Der Radfahrer fährt wieder gerade aus, ich heize hinter her und hinter mir höre ich Falk wiederholt rufen: „Hier lang! Rechts!“. Was wäre nur ohne ihn passiert? Wieder über eine Wiese, ich verliere zwar nicht an Boden, aber an Nerven. Jetzt muss ich jeden Moment damit rechnen, das Falk das Tempo erhöht.

km 16:

Falk hat wie erwartet das Tempo deutlich erhöht und ist mit dem anderen Läufer davon gezogen. Aber der Vorsprung hält sich mich ca. 50 Meter noch in Grenzen. Es geht über einen schmalen Waldweg, der mich ganz schön ins schwimmen bringt. Ein Radfahrer hält sich beständig neben mir. Das macht mich etwas nervös, weil ich immer wieder die Seite wechseln muss, wegen Pfützen und Schlamm. Er bremst zwar immer ab, wenn er merkt, das ich die Seite wechsel, aber ich habe Angst, das ich ihn erwische, wenn ich mal schnell reagieren muss.

km 17:

Nach einer scharfen Kurve in diesem Laubgang sind die beiden vor mir nicht zu sehen, dafür eine Kreuzung ohne Markierung und ohne Streckenposten. „Wo lang?“, frage ich den Radfahrer, in der Hoffnung er kennt sich aus. „Ich weiß es nicht. Lauf einfach, ich suche Hilfe und komme nach.“ Kurzes innehalten an der Kreuzung, eine Sekunde die mir ewig vorkommt…3 Möglichkeiten. Die Variante „Rechts“ teilt sich gleich wieder…also 4 Möglichkeiten… 1000 Gedanken strömen mir durch den Kopf. Ich muss eine Entscheidung treffen. Links geht es den Laubgang weiter. Das erscheint mir, warum auch immer als das wahrscheinlichste. Vielleicht, weil ich die anderen beiden hier nicht mehr sehen kann. Unsicher, aber doch mit Tempo verfolge ich diesen Weg, aber die Angst völlig falsch zu sehen, will mich lähmen. Davon darf ich mich nicht beherrschen lassen. „Lauf einfach, lauf weiter“, brüllt der Radfahrer. „Sie laufen parallel zu diesem Weg. In ein paar Metern kommst du wieder drauf.“ Er schließt zu mir auf und hat mir Mut mitgebracht. Aus dem Trampelpfad heraus geht es auf die Straße und ich sehe sie schon laufen. Noch immer vor mir, aber ich habe wohl nicht viel verloren. Quer durch eine Wasserstelle komme ich wieder auf die Strecke. Ich mache mir Gedanken, ob man mich wohl disqualifiziert. Der Radfahrer riecht das wahrscheinlich. „Keine Angst. Wenn jemand fragt, dann erklären wir das. Das ist nicht deine Schuld und du hast auch keinen Gewinn daraus geschlagen.“

km 18:

Falk zieht sein Tempo jetzt gnadenlos durch und hat schon fast 200 Meter Vorsprung. Ich kann mich wieder an den anderen Läufer heran kämpfen und ziehe vorbei. Ich habe aber ein schlechtes Gewissen, weil ich durch den falschen Weg vielleicht doch profitiert haben könnte. Ich treffe die Entscheidung das Tempo nur soweit zu erhöhen, wie der andere mitgehen kann und ihn auf Platz 2 einlaufen zu lassen. Die wird nur noch „Minimum“ und ist mit den ganzen Problemen unterwegs kaum noch repräsentativ. Da kommt es auf ein paar Sekunden mehr oder weniger nicht mehr an.

km 20:

Der andere zieht einen kurzen Spurt an und geht vorbei. Er schaut sich um, was ich tue. Ich lächle nur. Es könnte jetzt sicher ein spannendes Schlussduell geben, denn so wie er antritt, kann er sicher noch ein bisschen zulegen. Ein bisschen ärgert es mich, denn solche Situationen liebe ich und selten verliere ich einen Schlussspurt. Heute nicht. Mein Fairness-Empfinden sträubt schon genug, wegen des „alternativen Streckenverlaufs“. Der Radfahrer hat sich bis jetzt an meiner Seite gehalten. Nochmal bekräftigt er, ich solle mir keine Sorgen machen, dass ich er Falk und seinen Vater gut kennt und ich das auch sagen soll, wenn es Probleme gibt. Er verabschiedet sich und fährt davon, ohne dass ich mich bedanken konnte. Deswegen jetzt:

Lieber Radfahrer,

du warst heute meine Rettung. Ohne Dich hätte ich weder den Weg wieder gefunden, noch hätte ich überhaupt den Mut gehabt das Rennen zu beenden. VIELEN DANK!!! Dafür hast du wirklich etwas gut bei mir! Wenn du das hier liest, dann melde dich bitte, bitte bei mir!

Ziel:

1:08:49 h – Bestzeit. Ich fühle mich gut. Ich bin erschöpft, aber das war wieder mal nicht das Maximum. Mist. Trotz das ich meine Bestzeit deutlich unterboten habe und die Zeit für mein Marathonziel von 2:25 in München ausreichend ist, kann ich mich nicht darüber freuen. Mich ärgern der Streckenverlauf, die Markierungen, meine Schuhwahl und ich schäme mich dafür, dass ich einen etwas anderen Weg gelaufen bin, obwohl es nichts an der Streckenlänge veränderte. Zumindest letzteres wird von den beiden Siegern weggelacht. „Nimm es nicht so tragisch.“

Die Zeit macht mir trotzdem Kopfzerbrechen, mich beschleicht das ungute Gefühl, das ich im Training etwas falsch mache, weil ich mehr als deutlich von meiner Zielzeit entfernt bin. Irgendetwas in mir sträubt sich, das alles auf die „äußeren Umstände“ zu schieben. Zum Glück habe ich nächste Woche noch einen Test über 10 km. Dort wird sich zeigen, was diese Zeit hier aussagt.