Datum:
Zeit:
Platz:
04.05.2008
2:27:38
8





Endlich, nach einer langen Verletzungspause bis Anfang Februar und einer nur 12 – wöchigen Vorbereitungzeit wollte ich endlich den Dämon „Mainz 2007“ besiegen. Die Aufgabe von letztem Jahr hatte bei mir große Spuren hinterlassen und mir war immer ein bisschen flau im Magen, wenn ich an den Lauf dachte. Obwohl es an jedem Ort hätte passieren können, verbindet man es natürlich immer mit dem Ort WO es passierte. Dem wollte ich mich stellen. Ich hatte ein gutes Gefühl, weil ich im Training besser war als je zuvor. Aber auch diesmal sollte es nicht ohne Probleme laufen. Trotz gutem Tapering und viel Ruhe keimte die letzten Tage noch eine Reizung am Fersenbein auf, die beim laufen etwas schmerzte, aber nach ein paar Kilometern still wurde. Ich konnte nur hoffen, dass es sich im Wettkampf ebenso verhalten würde.

Anreise:

Die Organisation passte super. Wir kamen am Nachmittag in Mainz an, ohne unterwegs in Probleme zu geraten. Das Hotel lag nur ein paar Minuten zu Fuss vom Start entfernt und war top. Nachdem wir eingecheckt hatten ging es erstmal in die Rheingoldhalle um die Startunterlagen abzuholen. Auf der Laufmesse besserte ich dann erstmal meinen Laufschuh bestand ein klein bisschen auf – die Preise dort sind ja immer unschlagbar…zum Glück, wie sich 2 Stunden später rausstellte.

Wieder im Hotel wollte ich meine Startnummer an meinem Trikot befestigen und ich machte 19:44Uhr eine grauenhafte Entdeckung: Laufschuhe plus Chip vergessen! Vom Donner gerührt knallten mir alle Sicherungen durch und ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist. Meine Frau brauchte ein paar Minuten um mich wieder zu beruhigen, weil ich frustriert, geschockt und ängstlich im Zimmer auf und ab lief. Ich wusste nicht, ob ich mit einem anderen Chip laufen kann, weil meiner im System schon erfasst war. Und die neuen Schuhe gleich im Marathon einlaufen ist äußerst riskant. Wir überlegten alle Alternativen: Zurückfahren und Schuhe holen? Das sind 7 Stunden Fahrt, dann bin ich völlig fertig. Meine Frau mit dem Zug? Zeitlich keine Chance! Jemand aus Jena mit den Schuhen kommen lassen? Keiner hatte einen Schlüssel für unsere Wohnung! Es war natürlich im Laufzentrum auch keiner mehr da, denn ich fragen konnte, ob das mit einem Leihchip auch klappt. Ich musste also warten und bangen. Nach 15 Minuten warmlaufen stelle ich fest, das die Schuhe die ich mir gekauft hatte schön leicht sind, durchaus wettkampfgeeignet. Dennoch sind die paar Minuten nicht ausreichend, um sie einzulaufen…hoffentlich geht das gut. Vor lauter Ärger wurde meine Ferse auch nicht besser.

Der Morgen davor:

Die Nacht hatte ich etwas unruhig geschlafen. Trotzdem war ich recht fit und fühlte mich gut erhohlt. Das Frühstück im Hotel war super, es gab alles, was sich ein Läufermagen in der Pre-Race-Phase wünscht. Schnell machten wir uns auf zum Laufzentrum, um mein Chipproblem zu klären. Die Aufregung um den Chip war umsonst, ich bekam einen Leihchip und die Welt war wieder in Ordnung…bis auf die Schuhe.

Es wird warm heute, das merkte man schon kurz nach 8 Uhr, aber das macht mir nicht viel aus, wenn es nicht extrem wird.

Vor dem Start:

Offiziell gibt es zwar Startblöcke, aber wie auch letztes Jahr ist der Zugang zum Startbereich eher anarchistisch über die Begrenzungszäune, weil es kaum Eingänge gibt. Die Spitzenläufer sammeln sich vorn, aber man steht nicht so dicht gedrängt, wie bei anderen Läufen. Das Läuferfeld von über 8000 Marathon- und Halbmarathonläufern ist sehr friedlich. Es gibt kein Gedränge und Geschubse.

Start:

Ab dafür… Schussfahrt an die Spitze, das ich aus der Masse rauskomme, dann lass ich mich einfangen und finde schnell meinen Rhythmus. Trotzdem ist der erste Kilometer mit 3:13 min noch zu schnell, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Meine Ferse zwickt etwas, aber nicht sehr viel.

km 5:

16:55 min. Die Eigenverpflegung ist eine tolle Sache – wenn sie funktionieren würde. Ein Biertisch, der in vier oder mehr Reihen dicht voller Flaschen steht. Wie denken die sich, das man seine Flasche da finden, geschweige denn greifen soll? Das ist echter Mist. Die Zeit ist super und ich fühl mich wunderbar. Mittlerweile hat sich eine 4er Gruppe gebildet, die wunderbar eine 3:25/km läuft.

km 10:

34:07 min – perfekt. An der letzten Wasserstelle habe ich meine Flasche nicht gefunden. Knapp habe ich noch einen Becher Wasser ergattern können. Florian Neuschander ist gerade an der Gruppe vorbei gepfiffen – keine Chance das Tempo mitzugehen. Die Gruppe bleibt zusammen. Im Moment liege ich auf Platz 7 der DM-Wertung, das läuft doch super. Aber mein Fuß wird nicht besser, ich hoffe er hält durch.

km 12:

Das letzte Kilometerschild stand wohl etwas daneben – 3:00 min kann nicht sein. Am Wassertisch sehe ich noch nicht mal meine Flasche, dafür lass ich mich von einer Wasserfontäne kühlen.

km 15:

51:14 min – Punktlandung. Zwei Läufer haben zur Gruppe aufgeschlossen und kurz überholt. Wir konnten folgen und jetzt ist es eine 6er Gruppe – ich mittendrin. Als deutlich Kleinster ist das schön (wind)schattig. Ich erinnere mich an 2007, hier begannen die Probleme, welche mich zu Aufgabe zwangen. Ich prüfe meinen Körper, alles in Ordnung, bis auf meinen Fuss.

km 20:

1:08:13 – wunderbar. Die Gruppe hat insgesamt das Tempo etwas verschärft. Aber ich habe keine Probleme das mitzugehen. Die Kilometer in dieser sehr eintönigen Schleife ziehen sich dennoch wie Gummi, die Sonne prasselt und an der letzten Station habe ich kein Wasser bekommen, weil die Zuschauer die Einflugschneise versperrten und der Tisch wieder viel zu kurz war.

HM:

1:12:16 – sauber. Das ist der perfekte Durchmarsch. Bis auf meine Fusssschmerzen geht es mir sehr gut. Am liebsten würde ich jetzt schon das Tempo anziehen, aber ich warte lieber erst noch die Brücke ab. Die hat so ihre Tücken.

km 23:

Nach der Brücke bin ich erstmal platt. So ein kleiner Hügel, im Training würde ich den gar nicht ernst nehmen, aber hier merkt man jeden Höhenzentimeter. Die Gruppe hat sich auf der Abfahrt vom höchsten Punkt der Brücke etwas in die Länge gezogen. Meinem Fuss ist dieses Stück überhaupt nicht bekommen. Hoffentlich beruhigt er sich wieder etwas. Ich werde mich noch einen Kilometer ausruhen und dann wieder ranlaufen.

km 25:

1:25:48 h – leichter Zeitverlust. Die Brücke hat mich doch ein paar Sekunden gekostet. Die Lücke zur Gruppe konnte ich bis jetzt noch nicht wieder schließen, aber meinem Fuß geht es etwas besser. Den Abstand werde ich jetzt behalten und keine Energie verschwenden um wieder ranzulaufen – immerhin müssen wir nochmal über die Brücke.

km 30:

1:43:05 h – jetzt wird es knapp. Die zweite Brückenüberquerung hat mir meine Ferse sehr übel genommen. Es schmerzt höllisch und wird auch nicht mehr besser. Vor mir habe ich noch zwei Läufer, die restliche Gruppe hat das Tempo erhöht. Daran brauche ich nicht denken, ich habe schon Probleme, das ich mein Tempo halten kann. Mit dem linken Fuss auftreten ist nur noch schmerzhaft – von optimaler Kraftübertragung keine Spur. Das rechte Bein muss Überstunden schieben – hoffentlich streikt es nicht.

km 35:

2:00:56 h – das war’s. Zwei Läufer konnte ich noch einkassieren, ich liege auf Platz 8 der DM-Wertung. Platz 7 läuft ein paar Meter vor mir, aber ich verliere immer mehr Zeit. Das Tempo ist jetzt pro Kilometer 10 Sekunden zu langsam und es ist keine Besserung in Sicht – ganz im Gegenteil. Ich flehe meine rechte Wade an nicht zu krampfen und versuche so oft es geht den Laufstil zu ändern, damit ich sie entlasten kann.

km 38:

An Platz 7 ist nicht mehr zu denken, ich kämpfe, das ich meine 8. Platz halten kann. Hinter mir ist keiner zu sehen, aber das täuscht manchmal. Die Kilometer gehen kaum noch unter 3:45 min, ich humple mehr als ich laufe.

km 40:

2:19:29 h – nochmal kämpfen. Ich habe noch 8,5 Minuten für die letzten 2,2 Kilometer, eigentlich ein Kinderspiel, aber ich hinke nur noch und habe Angst, das mein linkes Bein völlig wegknickt. Ich muss die Zähne mehr als zusammen beißen, das ich wenigstens noch unter 2:28 bleibe. Der Gedanke daran, das ich allein auf den letzten 10 km über 2 Minuten liegen lassen musste, macht mich sauer – und lässt mich weiter beißen.

Ziel:

2:27:38 h – Auf den letzten zwei Kilometer wurde ich noch etwas langsamer, aber zumindest noch deutlich unter 2:28. Trotzdem habe ab km 30 fast 3 Minuten verloren. Meinen Muskeln geht es gut, ich fühle mich nicht übermäßig erschöpft, aber mein Fuß versagt mir jetzt völlig den Dienst. Trotzdem bin ich sehr glücklich als mir der DLV einen Zettel in die Hand drückt, das ich in 30 Minuten zur Siegerehrung der besten 8 der DM-Wertung kommen soll. Dafür hat sich das Martyrium gelohnt.

Ich hinke Richtung Siegerehrung, das sind immerhin 200 Meter und ich habe nur eine halbe Stunde Zeit…