Zeit:
Platz:
2:42:14
10
Der Morgen davor:
Aufstehen um 5 Uhr morgens. In einer Stunde kommt mein „Chauffeur“. Ein Freund von mir hat sich breit schlagen lassen mit mir und meiner Frau nach Regensburg zu fahren. Ich schau aus dem Fenster und sehe – es regnet Bindfäden. Das ist echt demotivierend, Sonntag morgen, 5 Uhr, Gießkannenregen und ich will meinen ersten Marathon laufen? Wer kam eigentlich auf diese Idee? Trotzdem frühstücke ich ausgiebig, es sind ja noch 4 Stunden bis zum Start.
Vor dem Start:
Immer noch strömender Regen. Es regnet, wie aus Eimern. Schon beim Einlaufen weicht es mich nahezu komplett durch. Ich überlege mir ernsthaft, ob ich mir das wirklich antun soll, bei diesem Wetter fast 3 Stunden halbnackt laufen zu gehen. Doch kurz vor dem Start lässt der Regen etwas nach und ich schöpfe Hoffnung. So ein bisschen Wasser ist ja eigentlich nicht verkehrt.
Start:
Zweite Reihe! Ich steh hinter einem Rudel aus Kenianern und Ethiopiern. Eigentlich ein guter Platz, dacht ich mir, die sind ja sowieso schneller weg und dann hab ich vor mir Platz. Ich bin positiv überrascht, dass die Menschenmassen hinter mir nicht drängeln.
km 1:
3:20 min…viel zu schnell. Ich wollte eigentlich 3:55 laufen, das ich auf 2:45 h rauskomme. Ich bin immer noch in der Gruppe der Kenianer (hätte ich mir auch denken können, das ich zu schell bin…) Der Keniatrupp verschärft noch mal das Tempo, aber ich gebe etwas nach.
km 3:
Es hört auf zu regnen. Ich bin immer noch bei knapp unter 3:40 min/km. Ich sollte noch etwas nachlassen, sonst kommt der Mann mit dem Hammer eher als mir lieb ist. Aber eigentlich empfinde ich das Tempo als locker-zügig.
km 5:
Ich hab ein Wohlfühltempo gefunden, das liegt knapp unter 3:45 min/km. Mir ist zwar bewusst, das ich das Tempo wahrscheinlich nicht bis zum Schluss halten kann, aber irgendwie hab ich auch keine Lust noch mehr nach zu lassen. Ca. 200 m vor mir läuft noch einer, genauso einsam wie ich. Den hol ich mir noch!
km 20:
Die Strecke ist super abgesperrt. Mittlerweile hab ich den Läufer vor mir einkassiert. Ich befinde mich auf einem Tempo für eine Zielzeit von 2:37 h … „Oha“, denk ich mir, „ob das mal gut geht?“
km 21,1:
1:18:37 h. In Ingolstadt vor 3 Wochen war ich nur eine gute halbe Minute schneller, aber da war der Wettkampf auch schon vorbei. Jetzt bin ich grad mal auf der Hälfte. Ich ahne schlimmes…
km 25:
Meine Zeiten lassen nach und langsam stellt sich eine Ermüdung ein. Mittlerweile lauf ich noch 3:53 min/km. Reicht aber aus um noch um die 2:40 h zu laufen.
km 32:
„Und tschüß!“, kicherte der Mann mit dem Hammer und schlägt zu. Von einer Minute auf die nächste spüre ich, das ich am Ende meiner Kräfte bin. Jetzt muss ich zusehen, dass ich ins Ziel komme. Puffer hab ich noch genug, nur die Schmerzen werden langsam höllisch!!!
km 37:
Ich werd immer langsamer. Mittlerweile bin ich bei 4:00 min/km angekommen. Der Gedanke das ich aber immer noch in 2:42 h über die Linie komme löst ein Kribbeln aus und nimmt für einige Sekunden die Schmerzen. Ich habe jetzt die Antwort auf meine Frage von km 20: Nein! Ich rette mich schon seit einiger Zeit nur noch von einer Kilometermarke zur nächsten.
km 40:
4:05 min/km. Die Schmerzen sind mörderisch. Es sind nur noch zwei Kilometer…zwei Kilometer können sooo lang sein. Ich schwöre mir NIE WIEDER einen Marathon zu laufen. Mittlerweile hab ich die Hoffnungen und Rechnungen auf die Zielzeit aufgegeben. Es geht mir nur noch darum, dass ich über die Ziellinie komme.
Ziel:
Die letzten beiden Kilometer nochmal in 3:57 und 3:55. Ich bin extrem wacklig auf den Beinen, aber als 10. tragen mich die jubelnden Zuschauer auf dem Beifall über die letzten Meter. Ich reiß mit letzter Kraft die Arme auf der Ziellinie nach oben.
Es ist vollbracht:
Ich fühl mich wie 80 Jahre alt. Meine Muskeln sind völlig steif und kriech fast zu den Duschen. Für die 200 Meter bis dahin brauch ich fast 10 Minuten. Trotzdem ist es ein heroisches Gefühl und die Erinnerung an die begeisterten Zuschauer und das Gefühl beim Zieleinlauf relativieren alle Schmerzen.



