Datum:
Zeit:
Platz:
03.09.2006
2:35:26
2





Jetzt zählt es. Die Vorbereitung war abgeschlossen und die Trainingszeiten ließen hoffen, dass ich unter 2:33 laufen kann, wenn ich gut durch komme. Vielleicht sogar unter 2:32 – die Hoffnung stirbt zuletzt. In der Vorbereitung hab ich diesmal etwas neues ausprobiert. Ich hab die letzten beiden Tage wirklich keinen Laufkilometer zurück gelegt und mich auch sonst geschont, wo es nur geht. Sonst hab ich mich drei letzten Tage vor dem Lauf jeweils noch 20 bis 30 Minuten ganz locker warm gelaufen. Der letzte Marathon war ja mit 2:37:44 h sehr locker und ohne besondere Anstrengung. Laut Wetterbericht sollten Idealbedingungen herrschen. Die Strecke soll flach sein. Dann kann es ja losgehen zum 3. Marathon gut 3 Monate nach meinem ersten.

Der Morgen davor:
Schon wieder so zeitig aufstehen…5:30 Uhr. Aber ich bin gleich hellwach und der erste Adrenalinschub schieß mir in die Adern. Bis Leipzig sind noch 90 Minuten Anfahrt. Meine Eltern und meine Frau übernehmen den Job, so kann ich noch etwas aufwachen und mich mental vorbereiten.
Ich steh nicht auf der Startliste, die vor dem Meldebüro aushängt, obwohl ich alle Startunterlagen mit der Post erhalten hatte. Aufregung macht sich in mir breit. Nach ein paar Minuten ist alles geklärt. Mein Chip wird nochmal neu eingelesen, er war schon erfasst. Nur die Meldeliste hatte ein paar Macken.

Vor dem Start:
Never touch a running system… Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fühl mich beim einlaufen etwas steif. Muskelkater kann es nicht sein, wo ich die letzten drei Tage faul war. Wäre ich mal lieber gelaufen. Na ja, wieder was gelernt. Nur jetzt nicht gleich verzweifeln. Ich hoffe das gibt sich auf den ersten Kilometern nachher. Das wird ja immer besser: Ich seh’ 4 Kenianer die sich einlaufen. Oha, na das kann ja was werden. „Immerhin ist noch ein 5. Platz drin“, denke ich bei mir.
Start:
Es geht relativ viel Wind, genau aus der Richtung in die wir laufen. Gleich nach dem Startschuss setze ich mich an die Spitze, um aus der Masse heraus zu kommen und lasse erstmal die Keniatruppe hinter mir…
km 1:
3:12 min. Etwas zu schnell, aber das ist immer so. Die Kenianer sind kapp hinter mir und nähern sich in großen Schritten. Noch sind wir in Leipzig in der Stadt, es ist fast windstill.
km 3:
Das Tempo hab ich auf 3:35 min/km gedrosselt. Die Kenianer sind mittlerweile mit großen Schritten an mir vorbei gezogen und nun überholt mich auch ein Deutscher Läufer. Ein Smalltalk macht klar, das er unter 2:30 laufen will. Das ist zu schnell für mich und ich lass ihn ziehen und freunde mich schon mal mir Platz 6 an.
km 5:
17:35 min. Die Strecke ist nun frei und sehr wellig. Der Wind pfeift mal von der Kante und mal direkt von vorn. und saugt mir meine Energie förmlich aus. Ich bin aber nicht gewillt nachzugeben und halte mich weiter bei 3:38 min/km. Die Kenianer sind nicht mehr zu sehen und der Deutsche nur noch als kleiner Punkt in weiter Ferne.
km 10:
35:30 min. Ich lieg noch super in der Zeit. Eigentlich wollte ich hier bei 36:10 min sein, hoffentlich hab ich mich noch nicht zu sehr verausgabt. Der Wind ist sehr stark und das Streckenprofil geht nur auf und ab. In mir kommen die ersten Zweifel, ob ich das überstehe.
km 15:
54:02 min. Ich bin noch in der Zeit, aber der Lauf ist hammerhart. Der Wind und die Strecke machen mir schwer zu schaffen. Ich rette mich bloß noch von Kilometer zu Kilometer. Noch mehr darf ich an Tempo nicht verlieren. Von den anderen vor mir ist nichts mehr zu sehen.
km 20:
1:12:30 h. Die letzten 10 km waren 25 Sekunden zu langsam. Der verdammte Wind setzt mir ganz schön zu. Ich habe das Gefühl, das meine Waden zu krampfen beginnen. Na ja, die Hälfte ist fast geschafft. Jemand ruft mir zu, das ich „nur“ 3 Minuten Rückstand habe… „Sehr witzig, NUR 3 Minuten, ist ja fast 1 Kilometer.“, denk ich mir
km 21,1:
1:16:40 min. Bestzeit im Halbmarathon. Liegt aber daran, das ich bis jetzt nur einen gelaufen bin. Trotzdem toll. Immerhin wäre noch 2:34 drin, wenn ich im Tempo nicht nachlasse. Schwer vorstellbar im Moment bei diesem Wind und der Strecke. Aber ich sehe in ca. 400 Metern Entfernung einen Kenianer…den hol’ ich mir.
km 25:
Der Kenianer ist fällig. Ich lauf den Kilometer bei ihm im Windschatten, was dringend nötig ist, weil der Wind hier direkt von vorn kommt und in Böen, das man das Gefühl hat man steht. Aber es ist trotzdem nur eine 3:46. Da lauf ich lieber schneller alleine weiter.
km 30:
Die letzten 10 waren wieder 30 Sekunden zu langsam. Meine Beine sind müde. Ich falle auf 3:50 min/km und will nur noch ankommen. Platz 5 vor einem Kenianer reicht mir ja schon.
km 38:
Ca. 500 m vor mir ist der Deutsche und ein weiterer Kenianer. Ich bekomm noch mal so einen richtigen Aufwind, aber meine Beine schmerzen höllisch.
km 40:
Der zweite Kenianer ist hinter mir und setzt mir auch nichts mehr entgegen. Der Deutsche hat den Kenianer auch schon überlaufen und ist noch ca. 200 m vor mir. Ich nähere mich in gutem Tempo.
km 41:
Der Deutsche ist jetzt hinter mir und treibt mich an, dass ein weiterer Kenianer nicht weit ist. Ich bin schon auf Platz 3! Nach der nächsten Kurve sehe ich auch den 3. Kenianer. Das wird knapp!!! Ich erhöhe das Tempo, er bemerkt mich und hält dagegen. Aber ich kann mich ranbeißen. Sein Fahrradbegleiter feuert ihn an und er hält sich in meinem Windschatten. Ich spüre keine Schmerzen mehr, nur noch den Willen auf ein Finish als Zweiter.
km 42 bis Ziel:
Letzter Kilometer in 3:25. Kurz vor der Zielgeraden zieht der Kenianer seinen Spurt an, aber ich halte dagegen. Beim Einbiegen auf die Zielgeraden arbeitet jede Zelle meines Körpers nur noch für den Endspurt. Nach ein paar Metern gibt der Kenianer nach und lässt mich ziehen. Den Sprint zieh ich trotzdem durch. Die vielen Zuschauer sind völlig aus dem Häuschen. Die letzten knapp 200 Metern laufe ich noch mal unter 32 Sekunden.

Meine eigentliche Zielzeit von 2:32 bis 2:33 hab ich zwar weit verfehlt, aber bei diesen widrigen Bedingen und der doch recht profilierten Strecke kein Wunder. Doch der Lauf beweist, dass jeder Marathon seine eigenen Gesetze hat und wirklich erst im Ziel entschieden ist.

Deshalb: NIE AUFGEBEN!!!